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Wundertüte Maputo

Die mosambikanische Hauptstadt Maputo kann wirklich erstaunliche Geschichten erzählen. Etwa die, wie Maputo fast zur österreichischen Kolonie geworden wäre; oder auch jene, wie Gustave Eiffel fast nach Maputo gekommen ist; oder gar die von der ganz grandiosen Idee, katholische Kathedralen in dieser Stadt von Prostituierten bauen zu lassen.

Augenverdrehen erntet, wer verlauten lässt, in Maputo auf die Suche nach europäischer Geschichte zu gehen. In einem der ärmsten Länder der Welt, von Bürgerkrieg und jüngst von Überschwemmungen verwüstet, in der so ziemlich am abgelegensten Ecke des afrikanischen Kontinents?

Und doch: Maputo wird langsam wieder zur vibrierenden, selbstbewussten kosmopolitischen Metropole, mehr Rio de Janeiro als Afrika, ein El Dorado für Kaffeehaus-Liebhaber und Nachtschwärmer. Der ehemalige Glanz des kolonialen Lourenco Marques taucht langsam wieder auf, und mit ihm kehren vergessene Geschichten aus der Blütezeit Maputos zurück.

Etwa die, wie Maputo fast, aber eben nur fast, zur österreichischen Kolonie in Afrika geworden wäre. Die Hauptrolle dabei spielte ein englischer Berseker, William Bolts. In Indien anno 1740 geboren, arbeitete er für die höchst erfolgreiche British East Indian Company, bis er wegen seiner skrupellosen Methoden von der selbst nicht gerade zimperlichen Company eingelocht und deportiert wurde. Selber nicht faul, klapperte er nach seiner Freilassung sämtliche Höfe Europas nach großzügigen Gebern für sein Unterfangen ab, allerdings ohne Erfolg. Sowohl Briten als auch Portugiesen wollten nichts von dem Glücksritter mit schlechtem Lebenslauf wissen.

Bis er an den Hof Maria Theresias kam, die augenscheinlich von dem wilden Kerl angetan war. Ein Triester Handelshaus finanzierte Mr. Bolts schließlich die Ostend East India Company. Unter österreichischer Flagge gründete er 1778 eine Handelsstation für Schiffe auf dem Weg nach Indien, und zwar in der Delagoa-Bucht, dem heutigen Maputo. 155 Männer und eine unbekannte Anzahl von Frauen errichteten in der Bucht eine Siedlung. Bolts verfügte, dass nur die österreichische Flagge im Winde wehen durfte. Obwohl der Handel mit Elfenbein exzellent lief, verließ der clevere Bolts bald die fiebergeplagte Niederlassung. Dazu verschlechterte sich die Beziehung zu Maputo, dem Führer des lokalen Ronga-Volkes, nach dem 1976 die Hauptstadt Mosambiks benannt werden sollte. Drei Jahre später, 1781, vertrieb eine portugiesische Expedition den letzten Rest der glücklosen Siedlung und holte die österreichische Fahne ein. Und wieder war es nix mit einer österreichischen Kolonie.

Einer, der im Gegensatz zu William Bolts nie in Maputo war, ist ein Herr namens Gustave Eiffel, seines Zeichens Ingenieur von Türmen ohne Funktion. Auf der anderen Seite der Weltkugel plante er - auf Einladung der anscheinend architektonisch beflissenen Portugiesen - den Bahnhof von Maputo. Mit Marmordekor und Milchglastüren wirkt der Prachtbau heute noch wie in der Hochzeit von Lourenco Marques.

Selbiger Eiffel zeichnet auch für eine "Schnapsidee" indirekt verantwortlich: Seine Schüler entwarfen 1892 das "Caso de Ferro", das so genannte Eisenhaus, dessen Eisenplatten fertig aus Portugal importiert wurden. Einziges Problem: Da in einem tropisch heißen Land die Eisenplatten eine konstante Hitze garantieren, zog der portugiesische Generalgouverneur nie - wie vorgesehen - in diesen unsäglichen, wenn auch sicheren Bau ein. Nach der Unabhängigkeit Mosambiks 1975 verdammte die Stadtregierung ihre Kulturabteilung dazu, die elendigliche sommerliche Hitze und die winterliche Kälte im Eisenhaus zu erdulden.

Eine weitere Geschichte: Der verwundete Stadtbegeher Maputos fragt sich, wie der deutsche Bauhausstil es bis nach Maputo geschafft habe. Mehr als 100 Villen zieren die breiten Alleen und laden zur architektonischen Irrfahrt zwischen deutschem Bauhaus und tropischer Vegetation ein. Damals, als sich die portugiesische "community" gerade von den kolonialen Villen verabschiedete, und die Hochhausarchitektur der 1960er Jahre noch nicht das Nonplusultra war, schlich sich der Bauhausstil über Johannesburg und Kapstadt nach Maputo.

Der deutsche Bauhausstil kam bis nach Mosambik

Reiche Portugiesen holten ausgewanderte deutsche Architekten mit Bauhaus-Background von Südafrika nach Maputo, damit diese dort ihr Können unter Beweis stellen sollten. Stark verfallen und nur teilweise renoviert, verblüffen heute viele dieser Villen im Diplomaten- und Nobelviertel Sommershield und Polana den Besucher.

Nicht wegen architektonischer Besonderheiten, sondern der Baugeschichte wegen ist die Kathedrale Maputos erwähnenswert. Blendend weiß getüncht im Zentrum Maputos, hat sie durchaus etwas Jungfernhaftes. Völlig zu Unrecht. In Ermangelung von billigen Arbeitskräften hatten die portugiesischen Kolonialherren 1944 eine kreative Idee: Straßenmädchen wurden auf ihre Jungfräulichkeit geprüft und, bei negativem Resultat, als Prostituierte zu einer saftigen Geldstrafe verdonnert. Da kaum jemand dieses Geld aufbringen konnte, bot die Stadtverwaltung diesen Mädchen an, stattdessen beim Bau der katholischen Kathedrale mitzuhelfen.

Dieser Text erschien erstmals in den "Oberösterreichischen Nachrichten", 02.11.2000

 

© Thomas Winderl 1998-2007
Last Update: December 2007