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Nirgendwo liegt in Maputo

Nirgendwo liegt in Maputo Um drei, vier Uhr früh hebt die Welt ab, löst sich von der harschen Realität, und das rote Licht der Bar im "Djambo" hebt sich ab ins Surreale. Senhor Guilhermo da Silva, die Einmann-Band und Besitzer des Etablissements, spielt, wie jeden Abend, persönlich, mit Anzug, leuchtend blauen Schuhen, und einem abgeklärten Lächen auf den Lippen.

Er kann es sich leisten, hat die Welt gesehen und jahrelang in Portugal und Spanien gelebt. Jetzt ist er ein Patrão, ein Herr, Musiker im nationalen Fernsehen und Mäzen der lokalen Musikszene. Mühelos mixt er schmalzige brasilianische Romantik mit afrikanischen Rythmen, spielt anschliessend eine abgespeckte Version von "Smoke on the Water", dazu portugiesischen Fado, erdigen Blues, und die Hymne einer nicht identifizierbaren deutschen Fussballmannschaft. Die paar verirrten Touristen sind schon lange mit der überwiegend lokalen Kundschaft verscholzen, auf der engen und heissen Tanzfläche wird Freistil getanzt. Die letzten Hemmschwellen fallen. Ein völlig bedrunkener Mosambikaner drängt sich auf die winzige Bühne, reisst dem verständnissvoll lächelnden Besitzer das Mikro aus der Hand, und beginnt mit Reibeisenstimme ein ernstes, melancholisches Gedicht vorzutragen. Es ist wieder Wochenende im "Djambo", in der Baixa - der Unterstadt - von Maputo, Mosambik.

 

Das "Djambo" ist, wie Maputo, schwer zu verorten, eigentlich überall und nirgendwo. Auch bei Tageslich. Zu europäisch für Afrika, zu afrikanisch für Europa, mit einem zu grossen Schuss brasilianischem Samba gewürzt. Und das zeigt sich ab besten in der Musik. Seit Jahren schon dominiert der Passada, ein kitschiger off-beat Tanz, die lokalen Charts und Nachtclubs. Billige Herz-Schmerz Texte, Syntesizer-Gedudel und und ein Rechts-Links-Tanzstil machen ihn nicht nur zum Favoriten der jungen Haute Volee.

Wie der Passada nach Mosamabik kam, weiss keiner so recht. Die einleuchtendste Erklärung lieferte uns noch ein Mitarbeiter des nationalen Radios, Senhor Xarifo. Alles begann, als sich die portugiesischsprachige afrikanische Disaspora in Europa traf, und ihre Musiktradition mit europäischen Elementen zu mischen begann. Brasilianische Musik hörte man sowieso. In Paris, Rotterdam und natürlich Lisabon begann damit ein neuer Stil, der dann in die lusophonen Länder Afrikas rückimportiert wurde. Und aus der Vermischung dieses Musikgemenges mit den Traditionen Angolas, Mosambiks und der Kapverdischen Inseln entstand dann der lokale Passada. Aber wie gesagt, das ist nur eine Erklärung von vielen.

Szenenwechsel: In einem Restaurant in der Nähe versammelt sich, wie jede Woche, ein nostalgisches portugiesischstämmiges Grüppchen zum Fado. Jeder kann mitmachen, und eine weisse Frau mit Lastwagenfahrer-Ehemann und zwei kleinen Kindern bricht das Essen ihres Shrimps-Curries ab, um kurz ein Lied zum Besten zu geben. Der Fado ist wohl die musikalische Essenz Portugals, aber hier in Maputo ergeben sich bizarre Konstellationen: Der nächste Star für fünf Minuten ist eine dickliche schwarze Mosambikanerin, die den Charm eines geordneten Hauses mit Garten besingt: "Ja, das ist portugiesisches Haus, mit Sicherheit ist das ein portugiesisches Haus." Grosser Applaus.

Die musikalische Gelassenheit findet sich auch im täglichen Leben. Schähgeführt wird, so lernt der überraschte Ausländer, nicht nur in Österreich. Zum Beispiel bei einer Polizeikontrolle. Gleich an der Ecke des "Djambo" lauert nachts gerne eine Truppe von teils schon betrunkenen Polizisten, um ihr privates Wochenendbudget aufzubessern. Grimmig werden die Autos aufgehalten, und mit Sicherheit eine Irregularität entdeckt. Der gelernte Österreicher aber weiss: abwarten, plaudern, schmähführen. Nach zehn Minuten gehen die jetzt schon etwas freundlicheren Hüter des Gesetzes davon ab, die Gesetzesbrechen ins nächste Revier mitzunehmen. Die Konversation verlagert sich auf das warme Wetter, und auf das lokale Nachleben, und es wird gelacht. Nach weiteren zehn Minuten wünscht man sich ein schönes Wochende. Als wir nach einigen Stunden selbige Polizisten wieder trafen, grüssen wir wie alte Freunde.

Seit gut acht Jahren ist der blutige Bürgerkrieg vorbei, und langsam strömen wieder Touristen in diese einstige afrikanische Metropole, in die frühere "Perle Afrikas". Früher, das waren die Zeiten, als Maputo nach Lourenco Marques hiess, und die Portugiesen hier Regime führten. Sogar viele Südafrikaner, die über die neu gebaute Schnellstrasse von der Grenze in einer guten Stunde in Maputo wären, haben noch Angst vor der Stadt. Mosambikanische Reisende werden in Südafrika immer wieder gefragt, ob der Krieg jetzt eigentlich vorbei wäre, und ob es Wasser und Strom in Maputo gibt. Aber seit dem Friedensabkommen zwischen den Bürgerkriegsparteien vor sechs Jahren entwickelt sich die Stadt prächtig, und besinnt sich auf ihren früheren Ruhm. Alle paar Wochen eröffnet ein neues Restaurant in der Innenstadt, schicke Boutiquen und Einkaufzentren werden gebaut, und ein Handy gehört zur Standardausrüstung der Bessergestellten. Langsam wächst eine urbane Schicht mit Designerjeans und teuren Autos heran. Die treffen sich tagtäglich an der belebtesten Kreuzung in der Oberstadt, im "Nautilus", zum Kaffee. Diese Veränderungen bringen aber auch neue Probleme. An eben dieser Kreuzung kommt es seit kurzem zu ausgewachsenen Verkehrsstaus, ein absolutes Novum in Maputo. Das junge Stadtradio "Radio Cidade" ging sogar soweit, dass ein Korrespondent täglich live von den Verkehrsstaus berichte.

Die Traveller, die sich nach Maputo trauen, bestätigen einhellig, dass Maputo heute wieder zu einer der kosmopolitischsten und lebenswertesten Städte Afrikas zählt. Zugegeben, die Strände sind anderswo besser, und viele Häuser sind in bedauernswerten Zustand. Aber pulsierendes afrikanisches Lebensgefühl und das Fehlen von rassistischen Ressentiments gegen die "malungo", die Weissen, machen Maputo einzigartig.

Im "Djambo" ist langsam Sperrstunde. Der Besitzer im Anzug und blauen Schuhen hat die Gitarre weggelegt. Die letzten, mit sich und Welt überglücklichen Gäste werden hinauschauffiert. Aus den Lautsprechern dröhnt ein vielsagender lokaler Hit: "Somos Africanos, ja sofremos tantos, vamos festejar", "Afrikaner sind wir, und so viel haben wir schon gelitten, lasst uns feiern".

 

 

© Thomas Winderl 1998-2007
Last Update: December 2007