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JAMBURG, Sibirien Ich stecke den Kopf aus der runden, geöffneten Luke des Transporthelikopters. Die Luft in der Kabine ist stickig, und es stinkt nach Fisch. Wir verständigen uns per Zeichensprache, die Konversation mit den anderen Mitreisenden wird durch den Lärm der Maschine unmöglich gemacht. Der Helikopter fliegt unter der tief liegenden Wolkenschicht Richtung Norden. Die tausenden kleinen Seen unter uns strahlen im spärlichen, kalten Sonnenschein. Die fleckige Tundra verändert ständig ihr Aussehen, immer wieder sind neue Bodenformationen zu erkennen. Einmal überqueren wir einen Fluß, dessen Sandbänke weiß zu uns heraufleuchten, ein anderes Mal zieht sich eine unnatürlich gerade, an vielen Stellen sich verbreiternde Linie durch die Vegetation. Das sind Spuren von Fahrzeugen, die sich zwischen den Seen und Sümpfen ihren Weg durch die Tundra Richtung Norden gesucht haben. Elena, meine ukrainische Begleiterin, erklärt mir, daß die Fahrzeugspuren, wenn sie sich einmal in den Boden gefressen haben, der hochsensiblen Tundraoberfläche irreparablen Schaden zufügen. Trotzdem, das Transportsystem hier im Norden Sibiriens wird weiterhin ohne Rücksicht auf ökologische Schäden ausgebaut. Denn dort unten, tief unter der unwirtlichen Oberfläche der Tundra, lagern die größten Erdgasvorräte der Welt, unvorstellbare 52.000 Milliarden Kubikmeter.Gerade haben wir den nördlichen Polarkreis überflogen, eine auf 66° Grad nördlicher Breite festgelegte Linie, und sind in die Zone des Polartages eingetreten. Ab jetzt wird für uns eine Woche lang die Sonne nicht mehr untergehen. Wir befinden uns auf dem Flug von Novij Urengoj, der letzten eigentlichen Stadt hier im Norden Sibiriens, nach Jamburg. In Nowij Urengoj hatten wir die Sondererlaubnis zum Besuch dieser ansonsten gesperrten Siedlung erhalten, die etwa 250 Kilometer weiter nördlich in der sibirischen Permafrostzone liegt. Jamburg ist eine reine Arbeitersiedlung und gehört der "Jamburgasdobytscha". Dieses Wortmonster, gebildet auf typisch sowjetische Weise durch die Verschmelzung von mehreren Wortteilen, bedeutet soviel wie Jamburger Erdgasförderung. Es ist der Name der staatlichen Erdgasfirma. Die Siedlung wird zwar ständig bewohnt, doch die Erdgasspezialisten dürfen sich kaum länger als einige Monate hier aufalten. Aufgrund des geringen Sauerstoffgehalts in der Luft und der erhöhten Radioaktivität müssen sich die Spezialisten nach getaner Arbeit genauso lange von diesen gesundheitlichen Belastung erholen. Die radioaktive Verstrahlung kommt von den oberirdischen Atomversuchen auf der in der Nähe gelegenen Insel Nowaja Semlja. Meist kehren die Arbeiter dann in ihre südlich in der Ukraine oder in Rußland gelegenen Heimatgebiete zurück. Meine ukrainische Begleiterin, Elena, kennt das aus eigener Erfahrung. Aber sie, als leitende Angestellte, genießt das Privileg, in Nowoj Urengoj wohnen zu dürfen, und nur ein bis zwei Mal in der Woche mit dem firmeneigenen Helikopter nach Jamburg fliegen zu müssen. Besonders anstrengend, sagt sie, wird der Aufenthalt am Polarkreis im Winter, in der langen Polarnacht, wenn acht Monate lang eine geschlossene Schneedecke die Tundraböden überzieht. Das Eis kommt Mitte Oktober, dann sinken die Temperaturen auf durchschnittlich -30° Grad. Um unter diesen Bedingungen die Arbeiter bei Laune zu halten, ließ sich die Erdgasfirma einiges einfallen. Neben den obligaten "Nordzulagen" und hochbezahlten Überstunden wurde für die "spezialistij" eine kulturelle Infrastruktur geschaffen, die für russische Verhältnisse unglaublich erscheint. Und diese Infrastruktur wird uns, den ausländischen, mehr noch westlichen Gästen gleich nach unserer Ankunft in Jamburg stolz präsentiert. Wir sind im besten Teil der Siedlung untergebracht, in einem erst vor kurzem von finnischen Firmen erbauten Viertel. In Jamburg sind alle Gebäude auf Pfählen errichtet, weil nur dadurch die Stabilität der Häuser auf dem Permafrostboden gewährleistet werden kann. Durch den Druck der Gebäude würde sich der gefrorene Boden verformen und das Eis darunter schmelzen. Auch das "kulturnij zentr" von Jamburg, in das uns Elena kurz darauf bringt, wurde auf solchen Pylonen gebaut. Alle Gebäude erhielten eine andere Farbe, damit in den dunklen Wintermonaten die Arbeiter das richtige Haus finden können. Das Kulturzentrum, gleich neben der Sauna und dem Buchgeschäft gelegen, ist in einem leuchtenden Türkis gehalten, eine überraschende Farbe in der Tundra. Beim Eintritt fällt uns ein von einer großen Kuppel umschlossenes Glashaus auf, indem in künstlichem Klima tropische Pflanzen wachsen. Das sollte nicht unsere einzige Überraschung bleiben. Als nächstes führt uns Elena in ein - wir staunten nicht schlecht - Schwimmbad. Ein Blick durch die Fenster macht die eigenartige Situation deutlich: Draußen erstreckt sich die abweisende Tundra, wir befinden uns nördlich des Polarkreises, und hier im Kulturhaus vergnügen wir uns im geheizten Swimmingpool. Unser Ausflug in die eigentümliche Welt des Jamburger "kulturnij zentr" endet schließlich mit dem Höhepunkt: der firmeneigenen Fernsehanstalt. Wir müssen die technische Ausrüstung bewundern, die uns von den drei Fernsehgestaltern stolz präsentiert wird, dann erläutern sie ihre für uns etwas eigenartige Programmkonzeption: Mindestens einmal im Monat fährt einer der drei Verantwortlichen in die weit entfernte Hauptstadt Moskau, um dort auf dem Schwarzmarkt aus dem Westen importierte Videokassetten zu erwerben. Die bringt er per Flugzeug und Helikopter mit nach Jamburg, wo sie geschnitten und dem Programm angepaßt werden. Stolz führt uns der Programmdirektor seine neueste Erwerbung vor: einen Mitschnitt des Musikkanals MTV, natürlich schwarz kopiert, aus dem gerade Michael Jacksons "I'm bad" in den Jamburger Äther geschickt wird. Am Abend lernen wir einen anderen Teil der Lebenswelt der Arbeiter Jamburgs kennen. Um den Erdgasspezialisten den Aufenthalt angenehmer zu machen, befindet sich gleich neben den Wohnkomplexen eine voll ausgerüstete Diskothek. Dort können sie zu westlicher Musik tanzen, und nachdem sie sich mit russischem Wodka, deutschen Bier und Amaretto betrunken haben, den harten Arbeitsalltag vergessen. Spätabends dann, wenn die Stimmung ihren Höhepunkt erreicht hat, geben die Ukrainer, und das sind die meisten hier, Lieder und Geschichten aus ihrer geliebten Heimat zum besten. Am nächsten Tag steht schon um acht Uhr ein riesiger Lastwagen vor unserer Tür. Igor, ein Ukrainer, den wir am vorhergehenden Abend kennengelernt haben, wird uns auf der Fahrt über die größten Erdgasfelder der Welt begleiten. Er ist kaum 30 Jahre alt, einer dieser abgebrühten "spezialistije", die schon einige Jahre hier im Norden Sibiriens verbracht hatten. Mit ihm mit kommt ein junger, frisch von der Tjumener Universität eingeflogener Spezialist, den Igor einlernen soll. Als die beiden unseren erbärmlichen Zustand sehen, kann Igor ein verschmitztes Lächeln nicht unterdrücken. "Hier bei uns gibt es wenig Sauerstoff, daran muß man sich erst gewöhnen". Und wirklich fühlen wir den Wodka vom Vortag noch in allen Gliedern. Kurz darauf sitzen wir in dem riesigen, gelben Ungetüm, dessen Reifen mir schon bis zur Brust reichen, und rasen auf einer der vielen mit Sand aufgeschütteten Pisten über die Tundra. Auf dem Laster war statt der Ladefläche eine Kabine montiert worden, eine Federung haben die Konstrukteure nicht vorgesehen. So ist es fast unmöglich, die draußen vor dem Fenster vorbeiziehende Landschaft in Ruhe zu betrachten, weil wir darauf achten müssen, nicht durch ein unvorhergesehenes Schlagloch mit dem Kopf an die Kabinendecke geschleudert zu werden. Unser Begleiter Igor hat augenscheinlich mehr Routine und schaffte es, sich eine "papyrossij" anzustecken, eine jener russischen Zigaretten, die nur zu einem Drittel aus Tabak bestehen, der Rest ist Pappe. Nur manchmal verlangsamt der Laster abrupt die Fahrt, nämlich dann, wenn eine der Betonplatten, die die Piste bilden, durch die extremen Temperaturschwankungen in den Wintermonaten zerbröckelt ist. Im Winter, der länger als 8 Monate dauert, sinken die Temperaturen schon mal unter 50 Grad Minus. Weil hier eine herkömmlich gebaute Straße einfach im Moor versinken würde, mußten neue, aufwendige Techniken des Straßenbaus gefunden werden. Dabei wird zuerst die bis zu einem Meter dicke, torfähnliche Erdschicht, die die riesigen Ebenen der Tundra bedeckt, entfernt. Dann wird der oft über lange Strecken transportierte Sand zu einem Wall aufgeschüttet, mit Holz zusätzlich verstärkt. Das ganze deckt man dann mit Stahlbetonplatten zugedeckt, sodaß eine auch mit Lastern befahrbare Piste entsteht.Durch die extreme Belastung zerbröckelt der Beton nach einiger Zeit, und die Stahleinlagen ragen gefährlich weit heraus. Daher ist es Aufgabe der Leute des Straßendienstes, mit ihrem Speziallastwagen durch Jamburg zu patrouillieren und sämtliche von den Betonplatten abstehenden Stahlspitzen abzuschweißen. Nachdem wir die markante Silhouette der Siedlung Jamburg hinter uns gelassen haben, tauchen in der Ferne die ersten Bohrtürme auf. Sie stellen in der Tundra die wenigen Orientierungspunkte dar. Nur ab und zu treffen wir auf kleine, von Gletschern geformte Hügel. Dennoch ist uns unerklärlich, wie unser Fahrer in dieser Monotonie auf den spinnennetzförmig angelegten Pisten den richtigen Weg findet. Doch nach gut einer Stunde Fahrt Richtung Nordosten - wie Igor uns aufklärt - erreichen wir unser Ziel: den ersten Bohrturm. Unser Begleiter Igor stellt uns den Arbeiter vor, kräftigen Männern mit vom Wetter gegerbter Haut, und führt uns auf den Bohrturm hinauf. Dort beginnt er zu erklären, was seine Arbeiter hier eigentlich machen: Im Unterschied zur Ölförderung ist die Sache bei Gas technisch einfacher und billiger. Das Erdgas steht unter großem Druck, sodaß es, einmal angebohrt, nicht wie Öl herausgepumpt werden muß. Von der Bohrstelle kann es direkt in die Gasleitungen eingespeist und nach der chemischen Aufbereitung im Pipelinenetz über weite Strecken hinweg transportiert werden. Die Förderungstiefen sind rund um Jamburg nicht allzu groß. Deshalb kann die rückständige sowjetische Bohrtechnologie hier besser eingesetzt werden als anderswo, weil die Bohrgestänge weitaus geringeren Kräften ausgesetzt sind, als wenn die Gasfelder tief unter der Oberfläche liegen. Viele der Lagerstätten rund um Jamburg sind zwar angebohrt und erschlossen, werden aber noch nicht mit dem Pipelinenetz verbunden; denn die gewaltigen Ressourcen übersteigen bei weitem die Transportkapazität der Pipelines. Diese vereinzelt herumstehenden, noch nicht angeschlossenen Zapfstellen erinnern uns ein wenig an riesige Wasserarmaturen. Ein gewaltiges Pipelinenetz mit einer Gesamtlänge von 215 000 Kilometern, darunter die Gaspipeline über Uschgorod und die Slowakei - die längste Europas -, verbindet die Erdgasfelder Jamburgs direkt mit den Industriezentren in Ost- und Westeuropa. Vor allem Deutschland und Österreich werden mit Erdgas aus Sibirien versorgt. So kommt etwa das Wiener Erdgas zu 70 bis 80 Prozent aus den Regionen Jamburg und Urengoj. In Westeuropa werden 20 Prozent der Gasnachfrage aus den Lagerstätten in Sibirien gedeckt, Hauptimporteure sind - neben Deutschland - Frankreich und Italien, die langfristige Lieferverträge geschlossen haben. Westdeutsche und österreichische Firmen haben den Russen mit massiven Technologieexporten beim Pipelinebau und den Bohrungen geholfen. Da die Förderung jetzt schon über 100 Milliarden Kubikmeter jährlich beträgt, sind der vom Westen gewünschten Kapazitätssteigerung enge Grenzen gesetzt. In Osteuropa, das traditionell aus Rußland versorgt wird, hat die Nachfrage aufgrund der Preisumstellung auf Weltmarktniveau nachgelassen. Die technischen Probleme bei der Gasförderung, so erklärt uns Igor, sind enorm. Eine deutliche Vergrößerung des Fördervolumens ist mit diesem Material kaum möglich und würde überdies eine starke ökologische Belastung mit sich bringen. Der Zustand der russischen Volkswirtschaft, die sukzessive in ein vollkommenes Chaos geschlittert ist, verschlimmert die Situation noch. Zulieferer kommen ihren Verpflichtungen nicht mehr nach und Investitionen bleiben vollkommen aus. Obwohl die alten planwirtschaftlichen Strukturen nicht mehr existieren, arbeiten viele Gas- und Ölförderungsbetriebe immer noch nach den gewohnten Mustern aus der Sowjetzeit. Diese staatlichen Betriebe haben sich bis jetzt erfolgreich gegen eine Privatisierung und gegen nennenswertes Engagement ausländischer Firmen gewehrt. Früher, in den Zeiten der Sowjetunion, arbeiteten alle Sektoren institutionell getrennt. Förderung, Transportwesen, Forschung, Erschließung, Export und Lebensmittelversorgung waren selbständig organisiert. Die Zusammenführung der verschiedenen Teilbetriebe klappte bisher noch nicht ganz. Doch so unkoordiniert wie in der sowjetischen Planwirtschaft geht es heute nicht mehr zu. Igor erzählt uns eine Geschichte, die das frühere System gut illustriert. So wurden etwa, nur um das Plansoll an Bohrungsmetern irgendwie zu erreichen, an manchen Standorten weiterhin Probebohrungen durchgeführt, obwohl offensichtlich war, daß es hier überhaupt kein Gas gab. Damit ersparten sich die Erdgas-"spezialistij" die Mühe, den Bohrturm und die Bohrgeräte erneut irgendwo anders aufbauen zu müssen. Die Pipelines sind in einem schlechten Zustand und müssen die meiste Zeit langwierigen Reperaturen unterzogen werden, sodaß an eine Erhöhung der Föderungsleistung derzeit nicht zu denken ist. Dazu wären größere Durchmesser und dickere Wände nötig, sowie eine den arktischen Klimabedingungen angepaßte Wärmeisolierung und bessere Schweißnähte. Die russische Industrie ist dazu aber nicht in der Lage, und ausländische Firmen können und wollen derzeit nicht investieren. Dieser schlechte Zustand der Pipelines führt immer wieder zu Unfällen. So explodierte vor zwei Jahren die Gasleitung von Sibierien zur Wolga, wobei mehr als 400 Passagiere in zwei vorbeifahrenden Zügen starben. Im gleichen Jahr kam es in Tengiz zu einem gewaltigen Öl- und Gasausbruch. Ganze 18 Monate brauchte man, um den Ausbruch wieder unter Kontrolle zu bringen. Bis dahin wurde das austretende Öl und Gas einfach angezündet. Wenn das Gas bei höheren Temperaturen verarbeitet und weitergeleitet würde, könnte zumindest mehr, billiger und auch umweltschonender gefördert werden. Aber bei diesen Temperaturen schmilzt das Gas den Permafrostboden auf und verlegt die Bohrlöcher. Deshalb mußten diese mit großem Aufwand ausbetoniert werden. Im Bereich der Gasaufbereitung , sagt Igor, wäre es notwendig, das Gas entsprechend zu entschwefeln, was die Bedingungen für die Jamburger Arbeiter erträglich machen und die Emissionen senken würde. Auch geht viel Gas durch undichte Leitungen verloren oder wird einfach abgefackelt, weil es aufgrund von fehlenden Gasspeichern nicht abtransportiert werden kann. Neben der Luftverschmutzung durch schlecht aufbereitetes Erdgas zählt die Landverwüstung zu den größten mit der Gasförderung verbundenen ökologischen Problemen. Zwar gibt es zum Teil strenge Auflagen, diese werden jedoch meist ignoriert. 40 Milliarden Dollar, so schätzt man, werden in Zukunft nötig sein, um die Umweltschäden zu beseitigen. Das ist vierzig mal mehr als bisher dafür ausgegeben wurde. Eine weitere Schwierigkeit stellt die sowjetische Bohrtechnologie dar. Sie ist den hohen Belastungen bei der Erdgasförderung nicht gewachsen und muß daher die meiste Zeit repariert werden. Hochgejubelte Erfindungen aus der sowjetischen Zeit, wie der Turbobohrer, helfen da nicht weiter. Als Errungenschaft der sozialistischen Volkswirtschaft gepriesen, entwickelte man ihn als einen mit Druckluft betriebenen Bohrer, um die Gewinde im Bohrgestänge zu entlasten. Diese brachen aufgrund der schlechten Verarbeitungsqualität immer wieder ab. Doch auch dieses Problem hat sich inzwischen erübrigt. Da der größte Hersteller von Bohrköpfen in der Sowjetunion sich in der nun unabhängigen Republik Aserbaidschan befindet, werden von dort keine Ersatzteile mehr nach Rußland geliefert. Der Krieg Aserbaidschans mit Armenien ist darür nur ein Grund. Dazu kommt, daß die Wirtschaftsbeziehungen mit Rußland ohnehin zusammengebrochen sind, weil die Republiken praktisch zahlungsunfähig sind. Für Rußland war und ist der Energiesektor lebensnotwendig. Bisher schon war der Export von Rohstoffen der einzige komparative Vorteil der Volkswirtschaft in Rußland und trug zu einem Großteil der Einnahmen im Außenhandel und zu einer ausgeglichenen Leistungsbilanz bei. So wird geschätzt, daß die Hälfte der Deviseneinnahmen durch den Energieexport gewonnen wurde. Diese Einnahmequelle braucht Rußland weiterhin, um dringend benötigte Importe zu finanzieren. Ein weiteres Problem ist der schier unersättliche Bedarf an Energie der russischen Industrie. Aufgrund der Strategie des extensiven Wirtschaftswachstums und den viel zu niedrigen Preisen für Energie verbrauchen russische Betriebe um ein Vielfaches mehr als vergleichbare westliche Firmen. Bis zu ihrer Umstellung braucht die russische Wirtschaft weiterhin günstige Energie, um nicht zusammenzubrechen. Dennoch sind reale Preise unverzichtbar, um produktiven und effizienten Umgang mit Energie zu fördern. Denn daß ein Betrieb einen anderen subventioniert, oder daß unwirtschaftliche Lagerstätten wie bisher um jeden Preis erschlossen werden, wird nicht mehr akzeptiert. Solange sich aber nicht klare gesetzliche Regelungen und Kontrollen sowie eine Klärung der Eigentümer- und Nutzerfrage durchsetzen werden, kann weder ein wirksames Engagement von seiten des Westens noch eine Verbesserung der katastrophalen Situation erwartet werden. Auf dem Rückflug nach Nowij Urengoj haben wir das Glück, eine Sippschaft von Nenzen zu sehen, die ihre riesige Rentierherde über eine Flußfurt treibt. Denn im Sommer, wenn sich das Eis für zwei bis drei Monate zurückzieht, wandern auch die eigentlichen Bewohner dieser Region nach Norden. Heute ziehen jedoch nur noch wenige der ingesamt 35.000 ursprünglichen Bewohner Sibiriens nomadisierend durch die Tundra. Die meisten haben sich niedergelassen und leben heute als Jäger und Fischer. Ihre eigene Sprache, Jurak-Samojedisch, beherrschen nur noch ein Drittel der Nenzen. Auch ihre Kultur wird langsam zwischen Industrialisierung und den Verlockungen der Konsumgesellschaft aufgerieben. Vom Helikopter aus sehen wir die gefleckte Tundra unter uns, jenen Boden, der so viel Reichtum birgt. Rußland wird es dringend brauchen, wenn es sich nach der Implosion der Sowjetunion wirtschaftlich erholen will. Erholen will sich auch Elena, unsere ukrainische Freundin, von ihrer Arbeit in Jamburg. Sie erzählt uns, daß ihr Traum, in Moskau eine Wohnung zu kaufen und mit ihren beiden Kindern dorthin zu ziehen, bald in Erfüllung gehen wird. Dort wird sie einen weniger anstrengenden Beruf finden und ihre Kinder großziehen, fernab von den großen Erdgasfeldern Jamburgs und Urengojs. |
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© Thomas Winderl 1998-2007 |
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