Der Text wurde im Februar 2003 im österreichischen Reisemagazin veröffentlicht. Laden Sie den publizierten Text mit Fotos hier herunter.

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Bhutan - Jenseits von Shangri-La

Zuerst die schlechte Nachricht: das sagenumwobenen Shangri-La gibt es nicht. Die Suche nach dem versteckten Tal tief im Himalaya, in dem Menschen in Frieden und Harmonie leben, ist müssig. Dafür bietet Bhutan etwas anderes: Einblicke in eine feudale Gesellschaft, die sich seit den 60er Jahren radikal modernisiert. Ein Land, in dem buddhistische Mönche "Harry Potter" auf DVD kaufen. Ein Land, in dem Normaden im Winter ihre Jaks vom Hochhimalaya ins Tal treiben, und in dem Internet-Cafes aus dem Boden schiessen. Ein Land, das versucht, religiös hierarchische Tradition zu verbinden mit modernster Hochtechnologie. Ein Land voll von faszinierenden Brüchen, Widersprüchen und Überraschungen.

Besucher gib es immer noch ganz wenige, etwa 7000 im Jahr. Sie fliegen aus drei Gründen in diesen abgeschiedenen Teil der Erde: wegen dem exzellenten Trekking, wegen den Klöstern, den Dzongs und Gompas , und wegen der zwei grossen religiösen Feste in der Hauptstadt Thimphu und in Paro, den Tshechu .

Paro ist das neue Tor nach Bhutan. Der einzige Flughafen des Landes befindet sich dort. Der jährliche Tshechu im Ort ist Höhepunkt eines jeden Besuchs im Königreich. Das kunterbunte Treiben erinnert an ein Volksfest. Tausende Besucher in der besten Sonntagskleidung kommen aus den Dörfern ringsherum, um tagelang belehrenden und bestärkenden Tänzen zuzusehen. Dazu kommen manchmal noch Wangs , Massensegnungen durch einen hochrangigen Lama. Oder eine Thangka wird entrollt, ein drei Stock hohes Stoffgemälde. Deren Anblick alleine bringt den Betrachtenden ein Stück dem Nirvana näher. Wenn die Zuseher Anzeichen von Ermüdung zeigen, steigen die Clowns mit roten Masken und riesigen Nasen in den Ring. Diese Atsaras genannten Possenreisser dürfen die Besucher aufziehen, und sich sogar über die ernsten Tänze lustig machen.

Vom Paro-Tal in die Hauptstadt Thimphu sind es nur zwei Stunden. Obwohl es in Bhutan kaum befahrbare Strassen gibt, sieht der Reisende viel davon. Wer sich nur ein bisschen aus Thimphu hinauswagt, sollte einen guten Magen haben, und sich Pillen gegen die Seekrankheit besorgen. Die einzige Ost-West Verbindung im Land, der etwas übertrieben so genannte East-West Highway , hat schon die hartgesottensten Traveller zur Verzweiflung getrieben. Die 1½-Spuren breite Achse verbindet auf einzigartige Weise tausende Kurven mit atemberaubenden Höhenunterschieden. Wer dazu noch in einem öffentlichen Bus fährt, erlebt die Mitreisenden und ihr Frühstück höchst intim.

Der Highway führt nach nur einer knappen Stunde von Thimphu auf den ersten Pass, den Dochu La auf über 3100m. Ein idealer Platz zum Frühstücken auf der 2-Tagesfahrt nach Osten. Wenn sich die Nebelfetzen frühmorgens auflösen, geben sie einen gradiosen Blick auf die majestätische Himalayakette im Norden frei. Der Kyoto Alpinclub hat dankenswerterweise dem kleinen Rasthaus auf dem Pass ein Teleskop geschenkt. Sieben 7000er türmen sich auf, darunter der 7541m hohe Gangkhar Puensum , der höchste Gipfel im bhutanischen Himalaya. Diese massive Kette bildet die unwirtliche Grenze zum chinesischen Tibet. Der Kulha Gangri ist ebenfalls sichtbar, ganze 10 Meter höher, aber schon auf tibetischem Gebiet. Das gesamte Passareal ist mit Gebetsfahnen übersäht, die dem Ausblicksspot eine fast überirdische Atmosphäre verleihen.

Von Dochu La stürzt die Strasse mehr als 1000m hinab in das halbtropische Tal von Wangdi. Die Strecke ist ein Crashkurs in Himalayavegitation: Vom rauhen Gebirgsklima, in dem die Wurzel für das japanische Wasabi gedeiht, durch den Regenwald bis zur ersten Bananenstaude am Talboden von Wangdi vergeht kaum eine Stunde.

Weiter nach Osten passiert man alle paar Stunden ein Dorf, meist mit einem riesigen Dzong , der typisch tibetischen Mischung aus Kloster und Administrationsgebäude. Nach einer Tagesreise erreicht man die ausladenden Täler von Bumthang, dem kulturellen Zentrum Bhutans. Guru Rinpoche , die zweite Wiedergeburt Buddhas, soll Bumthang im 8. Jahrhundert zum Buddhismus bekehrt haben. Die vier Täler Bumthangs erinnern mit ihren weiten Getreidefeldern und den Kuhweiden an die Schweiz. Hier, mitten im Hochhimalaya, lassen sich ausgiebige Spaziergänge verbinden mit dem Besuch der unzähligen Klöster. Nach einer weiteren Tagesreise wird das Klima milder, und man erreicht den bevölkerungsreichsten Bezirk Bhutans, Tashigang. Auf einen Felsvorsprung gebaut, wähnt sich der Reisende in einem kleinen Dorf Frankreichs. Aber in Trashigang ist Endstation: Eine Stichstrasse führt in den Norden nach Tashi-Yangtse, wo im Winter die seltenen Schwarzhalskraniche gesichtet werden, die im Frühling wieder nach Tibet zurückkehren. Die einzige Strasse nach Süden ist wegen der angespannten Sicherheitslage an der Grenze zu Indien praktisch gesperrt. Im Osten grenzt der Sakten Nationalpark an, angeblich der letzte Zufluchtsort der Migoi , der bhutanischen Yetis.

Obgleich kaum jemand die Migoi wirklich gesehen hat, ist Bhutan voll von Geisterwesen und Mythen. Die an allen Ecken aufgestellten Chorten , kleine Stupas, sollen die bösen Geister vertreiben. Schulbücher mischen mytische Geschichten aus der Vergangenheit mit moderner Geschichtsschreibung. Aberglaube ist ein Teil bhutanischer Lebensweise. So wird etwa eine geplante Reise lieber aufgeschoben, wenn der Reiseantritt auf einen ungünstigen Tag fällt. Aufgeklärter Pragmatismus und traditioneller Aberglaube koexistieren friedlich wie kaum in einem anderen Land.

Aber moderne Einflüsse werden immer stärker. Überall schreien Kinder dem Reisenden ein fröhliches "Aiwa, aiwa" entgegen. Unbedarfte würden das wohl für einen höflichen Gruss in Dzonkha , der Nationalsprache, halten. Weit gefehlt: Aiwa ist in Wahrheit die japanische Elektrofirma, deren Werbung tagein, tagaus in der Flimmerkiste läuft. Ein Tip: Kommen Sie den Kleinen mit einem lauten "Aiwa" zuvor. Grosse Kinderaugen sind Ihnen sicher. Lange Zeit hielt der pragmatische König Bhutans seine Untertanen für unreif, den Verlockungen des modernen Zeitalters zu widerstehen. Erst vor vier Jahren hielten Fernsehen und Internet Einzug, und das radikal. Mittlerweile sind alle zentralen Dörfer Bhutans mit über vierzig Fernsehkanälen und Internetzugang versorgt.

Zurück aus dem abgeschiedenen Osten Bhutans, wirkt Thimphu fast wie eine Metropole. Aber die junge Hauptstadt Bhutans ist trotzdem nur ein grosses Dorf mit 40.000 Einwohnern. Im Gegensatz zu den heissen, überfüllten Städten Sikkims oder Nepals hat sie ihre Würde bewahrt. Die strengen Bauvorschriften garantieren, dass alles sehr bhutanisch bleibt: mehrbögige Holzfenster, bunt bemalt mit Blumenornamenten und religiösen Motiven, der fachwerkähnliche Holzaufbau im ersten Stock, und ein darüberschwebendes Holzdach, das Raum zum Trocknen von Wäsche und Jakfleisch lässt.

Der Geruch fällt als erstes auf: eine scharfe Geruchswolke liegt über der Stadt, hier stärker, dort schwächer, manchmal mit einer Nuance Hundekot, manchmal holzig-verbrannt von den Bucharis , den traditionellen Holzöfen. Es richt nach der typisch bhutanischen Mischung aus Chillischoten, Frischkäse, und Doma , der bhutanischen Volksdroge. Doma ist allgegenwärtig, und wird in handlichen Packungen an jeder Strassenecke verkauft: eine in Zeitungspapier verpackte Tüte aus Blättern, Kalk, und einer halben Betelnuss. Im Urzustand grün, weiss, und braun, ergibt die chemische Reaktion durch Zerkauen eine blutrote Flüssigkeit.

Umgeben von Reisfeldern, hat sich Thimphu seit den 60er Jahren zur politischen und wirtschaftlichen Schaltstelle des Landes entwickelt. Von der Klosterburg ausgehend, breitet sich die Stadt unaufhaltsam aus. Unternehmerische Händler bringen über die direkte Verbindung nach Phuntsholing an der indischen Grenze mehr und mehr neue Waren in die Stadt. Mittlerweile verkauft der lokale Supermarkt Tashi schon Cornetto Royal Walnusseis. Der Tashichoe-Dzong ist Amtssitz des Königs Jigme Singye Wangchuck, und liegt wie ein gewaltiger weisser Felsen am Nordende der Stadt. Den Dzong teilen sich die Mönche mit der sich im Aufbau befindlichen Staatsverwaltung.

Eine ganz spezielle Attraktion bietet das Pine Wood Hotel. Wer gut Freund mit dem Besitzer ist, kann sich unentgeltlich auf das Bett legen, in dem Richard Gere während seiner Thimphu-Besuche geruht hat. Auch Mick Jagger kam. Als er leicht bekleidet im bhutanischen Winter fröstelte, soll er nur gesagt haben: "Mick Jagger braucht die Wärme nicht. Die Wärme kommt zu Mick Jagger". Die Schauspielerin Uma Thurman war ebenfalls in Bhutan zu Gast. Ihr Vater Robert ist renomierter Professer für Buddhismus an der Columbia University in New York, und persönlicher Freund des Dalai Lamas. Während des Verfassens dieses Artikels stürmt die Jugend von Thimphu jeden Abend das Restaurant des Druk Hotels. Warum? Wer will sein Abendessen nicht am Nebentisch von Demi Moore einnehmen!

Wer allerdings die Gesellschaft von Jaks und Yetis vorzieht, findet kaum eine bessere Gelegenheit als in Bhutan. Der Snowman-Trek ist einer der längsten und schwierigsten Treks der Welt, und führt über drei 5000m hohe Pässe an der Südseite des Himalaya vorbei. Ganze drei Wochen sind dafür notwendig, und satte 356 Kilometer sind zurückzulegen. Für weniger ambitionierte bietet Bhutan aber auch kürzere Treks, etwa den wunderbaren, vier Tage dauernden Druk Path von Thimphu nach Paro.

Naja, und da wäre dann noch das Nachtleben von Thimphu. Kein Scherz. Wenn sich die Dunkelheit herabsenkt, und die Kleidungspolizei um sechs Uhr Feierabend macht, streifen sich die jungen BhutanerInnen ihre Jeans und T-Shirts über. Die drei Diskos der Stadt, das All Stars, das Dzomsa, und der Dragon Club, sind immer mit den neuesten Songs aus dem Piratenparadies Bangkok eingedeckt. Vorher und nachher trifft sich der Wochenend-Mob in der Om-Bar, die vom Lonely Planet Bhutan - Autor Stan Armington aus der Taufe gehoben wurde. Mit ein wenig Glück trifft man ihn, über Shangri-La sinnierend, in einer ruhigen Ecke der Bar bei einem Bier.

 

 

© Thomas Winderl 1998-2007
Last Update: December 2007