,

Countries> Bhutan>Politische Probleme

Politische Probleme

Auf Bhutans rasantem Weg in die Moderne zeigt der Donnerdrachen Zähne: An die 100.000 Flüchtlinge harren seit zehn Jahren in den Lagern im benachbarten Nepal, und seit kurzem werden die Kriegstrommeln gegen die indischen Separatisten im Süden des Landes gerührt. Die Mördernacht am Königshof von Nepal und die darauf folgenden politischen Turbulenzen haben die Himalayastaaten kurzzeitig in das Rampenlicht der Weltöffentlichkeit gerückt. Während Tibet seit den 50er Jahren von China besetzt ist, und Sikkim 1975 von Indien vereinnahmt wurde, suchen die zwei letzten unabhängigen Monarchien im Himalaya, Nepal und Bhutan, mühevoll ihren Weg in die Moderne. Der Mythos vom Shangri-La, dem immerwährenden Paradies, ist mittlerweile mehr als angekratzt. Zwischen dem Aufbau eines modernen Nationalstaates und der rasanten Modernisierung zerrieben, kommen dabei Menschenrechte und Demokratie zu kurz.

Weltrekord in der Flüchtlingsproduktion

Bhutan hält einen zweifelhaften Weltrekord: ein Sechstel der Bevölkerung, etwa 100.000 ehemalige Bewohner Bhutans, warten in Flüchtlingslagern im benachbarten Nepal seit 10 Jahren auf ihre Heimkehr. Nach der Verschärfung der Nationalitätenpolitik Bhutans in den frühen 90er Jahren wurden viele der nepalistämmigen Südbhutaner vertrieben, oder sind freiwillig ausgewandert, je nachdem welcher Seite man Glauben schenkt. Ethnische Politik war lange Zeit kein Thema in Bhutan. Über 125 Jahren lang wanderten Hindus aus Nepal, Sikkim und Darjeeling unbehelligt in Südbhutan ein. Sie machten aus dem fruchtbaren Land an den Ausläufern des Himalayas ein prosperierendes Wirtschaftszentrum.

Mit der Modernisierung und gleichzeitigen Öffnung Bhutans in den späten 60er Jahren fühlte sich die regierende tibetisch-stämmige Dzongkha-Elite plötzlich bedroht. Die Vorstellung eines Großnepals und die nepalische Dominanz im indischen Sikkim und Darjeeling führten Ende der 80er Jahre zu einer Kehrtwendung in der Nationalitätenpolitik. Nepali wurde als Unterrichtssprache verboten. Das Tragen der Nationaltracht, des Gho und Kira, wurde verpflichtend gemacht, und Repressalien gegen die nepalistämmigen Bewohner im Süden begannen. Die Volkszählung 1988 diente als Vehikel zur ethnischen Säuberung. Zwischen 1988 und 1993 flüchteten knappe 100.000 Südbhutaner nach Sikkim, West Bengal, und vor allem nach Nepal. Diese wurden von der Regierung als Ngolopas, als "anti-nationale Terroristen", gebrandmarkt, und verloren automatisch ihre Staatsbürgerschaft.

Unabhängige Beobachter nehmen an, dass etwa 99% der Lagerbewohner Bhutaner sind. Der offizielle bhutanische Standpunkt geht aber davon aus, dass es sich bei den Flüchtlingen zum Großteil um Inder und Nepali handelt, die sich aufgrund der durch die UN gesicherten Grundversorgung in die Lager geschlichen haben. Nach langwierigen Verhandlungen, und starkem internationalen Druck begann die Regierung gemeinsam mit Nepal im März dieses Jahres mit einer Überprüfung der Identität der Lagerbewohner, die allerdings nur schleppend vor sich geht.

Unklar ist zudem, was nach der Identifikation passieren wird: Die Reintegration von Zehntausenden Südbhutanern - vor allem mit einer halbherzig überzeugten bhutanischen Regierung - wird sich schwierig gestalten. Modalitäten für die Rückkehr sind bisher noch nicht angedacht worden.

Separatistengruppen in Südbhutan

Die indischen Separatistengruppen ULFA und BODO in Südbhutan stellen die zweite Herausforderung für Bhutan dar. Beide Gruppen operierten höchst erfolgreich im indischen Staat Assam im Nordwesten des Subkontinents, bis die indische Armee 1992 die Kontrolle zurückerlangte. Ein Teil der Separatisten rettete sich über die grüne Grenze, und baute im unübersichtlichen Dschungel Südbhutans Basislager auf. Obwohl die indische Regierung, mit der Bhutan freundschaftlich, aber vorsichtig, verkehrt, schon seit langem auf eine konzertierte Militäraktion drängt, sah sich bhutanische Armee bisher nicht dazu im Stande.

Das kann sich nun ändern: Jahrelange Verhandlungen mit den Separatisten scheinen erschöpft. Sogar die direkten Gespräche des bhutanischen Königs Jigme Singye Wangchuck mit den BODOs und ULFAs endeten in einer Sackgasse. In den letzten Monaten nahm das öffentliche Säbelrasseln zu. Distrikt um Distrikt verkündete, dass die Bevölkerung auf einen Konflikt mit Waffengewalt vorbereitet sei. Die nationalen Medien verlauten markige Sprüche, dass das sogenannte Militantenproblem endlich gelöst gehört. Die Frage ist nur wie: Die schlecht bewaffnete und unerfahrene bhutanische Armee hätte wenig Chancen gegen die erfahrenen Guerillakämpfer der BODO und ULFA. Die indische Armee hat zwar großes Interesse an einer Lösung des Separatistenproblems, aber Bhutan ist nicht sicher, ob sich indische Truppen nach der Militärintervention wieder zurückziehen würden. Die Annexion von Sikkim 1975 dient dabei als abschreckendes historisches Beispiel. Und von der internationalen Staatengemeinschaft ist wenig Unterstützung zu erwarten, wenn das Flüchtlingsproblem nicht bald gelöst wird.

(c) Thomas Winderl, Thimphu 2001

 

 

© Thomas Winderl 1998-2007
Last Update: December 2007