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Bhutan - eine Einführung

Für viele ist Bhutan einfach nur ein Gas. Für manche ein Winzland irgendwo in Asien. Für manche ein langgehegter, unerfüllter Reisewunsch. Für Gerhard ist Bhutan tägliche Realität. Er führt den Optikerladen am Hauptplatz von Thimphu, gleich hinter dem Uhrturm, und versorgt die urbane Elite des Himalayastaates mit schärferen Durchblicken. Viel zu überlaufen sei Thimphu geworden in den 13 Jahren, die der ehemalige Österreicher jetzt in Bhutan lebt. Früher, ja früher, da hätte es noch ganz wenige Autos gegeben, und keinen Lärm. Wir nicken zustimmend. Trotzdem kaum nachzuvollziehen: Die Hauptstadt besteht im Grunde aus einer Hauptstraße, gesäumt von kleinen Läden im traditionellen Stil, und darüber wachen die Gebetsfahnen. Die geschätzten 40.000 Einwohner der Hauptstadt verstreuen sich locker in hübsch verzierten Zweistockbauten über den Talboden. Also eigentlich kein Grund, über Urbanität zu klagen.

Tourismus

Die Touristen - im letzten Jahr waren es gerade mal 7000, sehen das nicht ganz so. Gerade die Abgeschiedenheit und die traditionelle Lebensform machen für die Chilips, die "Weißen" von Außen, die Anziehungskraft des Landes aus. Sie wollen den Mythos vom Shangri La in Bhutan wiederfinden, dem von James Hilton in seinem 30er-Jahre-Schinken "Lost Horizon" erfundenen Himalaya-Tal, in dem die Zeit stehenblieb, und die Menschen nicht altern. Ein Großteil der Gäste, meist betagte und betuchte US-Amerikaner, Japaner und Deutsche, kommt während des Tshechu, des großen Festes in Paro im Frühling, und bewundern diese einzigartige Mischung aus Kirtag und buddhistischem Verehrungsevent. Auf den Tshechus gedenken die Bewohner der Umgebung den Taten von Guru Rimpoche, einer historischen Figur aus dem achten Jahrhunderts. Guru Rimpoche gilt als die zweite Reinkarnation Buddhas. Sein erfolgreiches Wirken in Zentralbhutan markiert die Bekehrung des Königreichs zum Buddhismus. Auf dem mehrere Tage dauernden Fest werden alte religiöse Tänze in bunter Kleidung und Masken zelebriert. Die Menge amüsiert sich köstlich über die Clowns mit roter Maske und großen Nasen, die nichts unversucht lassen, um die Zeremonien zu stören. Den Höhepunkt bildet die zelebrierte Enthüllung einer riesigen Thangka, eines buddhistischen Gemäldes auf Tuch. Es wird nur einmal im Jahr, und nur für wenige Stunden in der Nacht, aufgerollt, und fördert das Karma der Betrachtenden. Danach vertrocknet das Touristenrinnsal, und erst in den Fenstermonaten September und Oktober, nach dem Monsunregen und vor dem Wintereinbruch, kommen die Trekker ins Land. Je nach Kondition und Finanzlage, reicht das Angebot vom Dreitagestrip bis zum 23 Tage dauernden Snowman Trek hart am chinesischen Tibet vorbei, anscheinend der schwierigste Trek der Welt. Der Rest der Besucher ist auf klassischem Kulturtrip, und konzentriert sich auf die Dzongs, eine beeindruckende Mischung aus Kloster und Burg, die über das ganze Land verstreut sind. Diese großen, weißgetünchten Komplexe, meist hoch oben in strategischer Lage erbaut, sind mit prachtvollen Holzschnitzereien und Malereien verziert. Sie stellen immer noch die administrativen Zentren des Landes dar, und sämtliche Bezirksverwaltungen haben heute noch darin ihren Sitz.

Bhutan versucht den kulturellen Spagat

Doch Bhutan versucht sich seit der Öffnung in den 60er Jahren im kulturellen Spagat: Einerseits präsentiert sich Bhutan als hochtraditionelle, monastisch geprägte Monarchie. Vor der Öffnung gab es im Land keine Strassen, kein Schulsystem, keine schulmedizinische Versorgen, und kein Post- und Telefonsystem. Die geographische Lage begünstigte die selbst gewählte Isolierung. Der nördliche Hochhimalaya trennt das Land vom chinesischen Tibet ab. Von dort fällt Bhutan in unzähligen Bergen und Pässen nach Süden bis auf wenige hundert Meter über dem Meeresspiegel ab. Dazwischen zwängen sich enge Täler. Die weit verstreuten Siedlungen sind meist Tagesmärsche entfernt von der nächsten Strasse. Subsidäre Landwirtschaft ist daher ein Muß. Das Tragen der Nationaltracht, eines mittels Gürtel hochgehaltenen Mantels für Männer, und eines kompliziert um den Körper gewundenen Kleides mit Weste für Frauen, ist Pflicht. Der König wird vergöttert, und die lokale Etikette für alle Lebenslagen, die Driglam Namzhag, umfaßt - seit kurzem kodifiziert - an die 150 Seiten.

Kulturclash

Andererseits versuchten sich die zwei letzten, aufgeschlossenen Könige Bhutans in radikaler Modernisierung. Heute verbindet eine Sechsstundenreise die Hauptstadt mit der indischen Grenze, und die einspurige lateral road durchzieht das Land von West nach Ost. Durch die zunehmende Landflucht platzten die wenigen Städtchen aus allen Nähten. Der Einzug von Kabelfernsehen und Internet vor zwei Jahren lösten einen Kulturclash aus, und fordern langsam ihren Tribut von der hochtraditionellen und hierarchisch strukturierten Gesellschaft. Exemplarisch dafür ist der auch im Westen erfolgreiche Kinofilm "Der Cup", der sich um den Wunsch von jungen Mönchen in einem Kloster dreht, den Fussballweltcup im Fernsehen erstmals live miterleben zu können. Regisseur des Films ist Khyentse Norbu, seines Zeichens ein prominenter bhutanesischer Lama in der tibetischen Tradition.

Bhutan versucht sich in der Quadratur des Kreises: einerseits die Öffnung zu gestatten, andererseits die alten Traditionen und Einstellungen zu bewahren. Und das gelingt bisher sogar ziemlich erfolgreich. Immer das abschreckende Beispiel des benachbarten Nepals vor Augen, betreibt die Regierung die Öffnung mit Augenmaß und einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein. Umweltschutz wird großgeschrieben, Qualitätstourismus gefördert, und Hilfe von Außen zwar gerne, aber nur selektiv angenommen. Gelingt Bhutan der unwahrscheinliche Spagat zwischen einer High-Tech Gesellschaft und der Bewahrung jahrhundertealter Tradition und Werte?

Konflikt mit Verkehrsampeln

Immer wieder stößt der Bhutan-Reisende auf diese Konflikte: So wurden vor einigen Jahren die drei Verkehrsinseln der Hauptstrasse Thimphu mit Ampeln ausgerüstet. Als die Bevölkerung lautstark protestierte, weil die Ampeln der lokalen Tradition, der buddhistischen Lebensweise und der Ästhetik überhaupt krass entgegenlaufen, wurden diese schnell entfernt. Heute stehen wieder die schmucken Verkehrspolizisten dort, die mit geschwungenen, für die Autofahrer allerdings nicht immer leicht zu dechiffrierenden Armzeichen den Verkehr regeln.

Die Strassenhund von Thimphu

Oder: Die Strassenhunde von Thimphu sind eine Plage. Durch den buddhistisch geprägten Respekt vor Hunden und dem generellen Tötungsverbot können sich die Hunde von Thimphu ungeniert aus den überquellenden Abfalleimern bedienen, und liegen tagsüber unbekümmert in der Stadt herum. Bei Nacht allerdings verwandeln sich die Tiere zu Königen der Stadt, und schon mancher unbedarfte Fußgänger musste - mit einem aggressiven Rudel konfrontiert - fluchtartig den Rückzug antreten. Versuche, die Plage zu stoppen, wurden viele gemacht. Aber als ein einfallsreicher Beamter der Stadtverwaltung damit begann, die Hunde zu vergiften, zog er sich den buddhistischen Zorn seiner Landsleute zu, und die Strassenhunde konnten ihr müßiges Leben fortsetzen

Die Reisenden wissen diese bewahrende Gangart zu schätzen. Dass diesen Trip in die Vergangenheit nur wenige machen, liegt weniger an der Intention der Regierung als an praktischen Hindernissen. Zwar stimmt der immer wieder belebte Mythos nicht, dass Reisen nach Bhutan zahlmässig beschränkt seien. Benötigt werden nur ein Schuss Abenteuerlust, 200 Dollar pro Tag, und ein Sitzplatz auf der einzigen Maschine von Druk Air, der nationalen Fluglinie. Auch wenn dem Optiker Gerhard der Trubel schön langsam zuviel wird.

Reiseinfo: Der umfangreichste deutschsprachige Reiseführer ist Françoise Pommaret's "Bhutan" von Edition Temmen. Die staatliche Fluglinie Druk Air führt derzeit zwei- bis dreimal pro Woche Flüge nach Bangkok, New Delhi, und Kathmandu durch. Nähere Auskünfte für Reisewillige finden sich durch die Bhutan Tourism Cooperation Limited unter www.kingdomofbhutan.com.

 

© Thomas Winderl 1998-2007
Last Update: December 2007